Meine Heldenreise oder Hin und wieder zurück

 

"Es war einmal ein Mensch, und dieser Mensch bin ich…"

 

"Es war einmal", so beginnen viele alte Geschichten. Dass ein Teil meiner Geschichte auch einmal so beginnt, hätte ich nie gedacht.

 

Von der Heldenreise erfuhr ich auf ganz prosaische Weise, nicht im World Wide Web oder durch geheime Mundpropaganda, sondern durch ein Faltblatt im Supermarkt. Zunächst konnte ich nicht wirklich etwas damit anfangen. Allenfalls in einer Hinsicht; denn anders als die meisten, die sich auf ein solches therapeutisches Abenteuer einlassen, hatte ich Campbell gelesen.

 

 

Exkurs 1: Joseph Campbell

 

 

"Der Heros in tausend Gestalten" von Joseph Campbell, 1949 erschienen, gehört in eine Reihe von Studien zur vergleichenden Mythologie, wie sie vor allem gegen Ende des neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben wurden. Das bekannteste Beispiel ist "Der goldene Zweig" von J. G. Frazer, worin aus Mythen verschiedener Völker das Motiv des Königs herausgefiltert wird, der im Herbst den rituellen Opfertod stirbt und im Frühling wiederaufersteht – eine mythologische Überhöhung des Prozesses von Aussaat und Ernte. Campbells "Monomythos" ist eine allgemeinere Form dieses Schemas. Er zeigt eine Grundstruktur menschlicher Erfahrung auf.

 

In seinen eigenen Worten:

"Der Held verlässt die Welt des gemeinen Tages und sucht einen Bereich übernatürlicher Wunder au, besteht oft fabelartige Mächte und erringt einen entscheidenden Sieg, dann kehrt er mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu erfüllen, von seiner geheimniserfüllten Fahrt zurück."

 

 

Dieses Schema der Heldenreise mit seinen verschiedenen Rollen lässt sich in vielen Romanen finden, etwa bei J.R.R. Tolkien in "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe". Ich habe selbst Campbells Struktur als Muster in Seminaren für Autoren verwendet, in denen es um das Erzählen von Geschichten ging. Der Gedanke, dies am eigenen Leib zu erfahren, hatte einen gewissen Reiz.

 

Ein Intensivseminar, eine Woche lang, in einer Gruppe mit unbekannten Menschen, an einem abgelegenen Ort, in diesem Fall irgendwo in der Eifel. Ohne zu wissen, auf was man sich wirklich einlässt. Dazu muss man entweder recht abenteuerlustig sein oder schon ziemlich verzweifelt. Na ja, ein wenig von beidem auf jeden Fall. Tatsächlich sollte sich herausstellen, dass jeder von meinen Reisegefährten sein Päckchen zu tragen hatte – und in gewisser Weise zu einer Lösung kam oder zumindest zu einem persönlichen Schritt nach vorn. Allerdings besagt die Vorgabe, auf die wir uns geeinigt haben, dass über die persönlichen Details wie auch den eigentlichen Prozess Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Darum ist es auch schwer, mein eigenes Erlebnis in Worte zu fassen. Aber ich greife vor.

Wie sollte das alles vonstatten gehen? Nun, hier kommt Paul Rebillot ins Spiel. Von dem ich, im Gegensatz zu Campbell, noch nie gehört hatte.

 

 

Exkurs 2: Paul Rebillot

 

Er war schon ein ziemlich schräger Vogel, dieser Paul Rebillot. Geboren in Detroit, arbeitete er nach einem einschlägigen Studium als Stückeschreiber, Schauspieler und Intendant fürs Theater. Der Militärdienst in Japan brachte ihn mit dem Nō-Theater in Berührung, und er war fasziniert von dessen stilisierter und ritualisierter Form. Nach seiner Rückkehr in die USA gründete er 1968 in San Francisco "The Gestalt Fool Theater Family", eine Kommune und radikale Performance-Gruppe, und begann mit einer Kombination von Theater, Ritual und Therapie zu experimentieren. Dies waren die wilden Sechzigerjahre, und natürlich spielten auch Drogen eine Rolle. Rebillot rutschte selbst in eine Psychose ab, aus der er sich nach langem Kampf wieder befreite.

 

In der Folge kam er an das Esalen Institute in Bug Sur, Kalifornien, wo er Erfahrungen mit gestalttherapeutischen Methoden machte – und unter anderem Joseph Campbell kennenlernte. Danach sah er seinen Weg klar vor sich: eine Konzeption von Theater als Heilung zu entwickeln, eine moderne Form des Rituals, das ähnlich wie die Initiationsrituale "primitiver" Völker Körper und Psyche einbezieht.

 

 

Zurück in die Eifel, ein altes, verwinkeltes Fachwerkhaus – eine ehemalige Mühle – mit Holzbalken, schiefen Treppen und knarrenden Fußböden. Dazu ein großer, luftiger Raum, der an einen Meditationsraum erinnert. Mit Meditation bzw. Achtsamkeit hatten die meisten Teilnehmer, wie auch ich, schon Erfahrung. Es war die erste gemeinsame Grundlage und der Ausgangspunkt für das Theater, das sich in den nächsten sieben Tagen dort entfalten sollte.

Sieben Tage in einer Gruppe, vegetarische Kost, kein Tropfen Alkohol, und ein intensives Programm von morgens früh bis spätabends. Das ist schon grenzwertig. Und das alles für ein therapeutisches Theaterspiel? 

 

Theater zu spielen, bei dem man verschiedene Rollen ausagiert, die Aspekte von einem selbst sind, ist die Grundlage für Rebillots "Heldenreise"-Prozess. Dies und die Geschichte, die sich dabei entwickelt, teilweise vorgegeben durch Campbells Grundstruktur, teilweise auch in der Interaktion der Rollenbilder mit überraschenden Aspekten und Einsichten. Die helle und die dunkle Seite des Ichs können beide unglaublich starke Kräfte freisetzen. Es ist eine anstrengende Erfahrung, auch durch die Arbeit, die der Körper dabei leistet, aber sie führt dazu, dass am Ende das Ritual zur Selbsterfahrung und die Trennung zwischen Spiel und Wirklichkeit unscharf wird. Dieser Prozess, der zugleich ein Gruppenerlebnis ist, erfordert auch eine ständige Führung und Begleitung durch geschulte Therapeuten, damit er zu einem Ergebnis führt. Was bei Christina Hoffmann und ihren beiden Mitleitern Sylvia Sperlich und Felix Lippold der Fall war – ein Glücksfall, wie die Teilnehmer übereinstimmend feststellten.

 

Am Ende fühlte ich mich wie in einem Zustand gesteigerten Bewußtseins, der noch einige Zeit anhielt und dann langsam verebbte. Wie nachhaltig er sein wird, wird sich zeigen. Aber die Erfahrung als solche erwies sich als lehrreich und wird es auch bleiben.

 

Die Wirklichkeit verändert sich nicht, aber meine Wahrnehmung hat sich verändert. Und meine Gefährten auf der Reise vermisse ich heute noch immer.

 

 

der Erfahrungsbericht zur Heldenreise von Helmut W. Pesch